Donnerstag 11. März 2010
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«Wirtschaftskriminalität trifft auch öffentliche Institutionen»

Daniel Stein, Kommandant der Stadtpolizei Uster. 4 Jahre lang Chef der Abteilung Wirtschaftskriminalität der Zuger Kriminalpolizei

Interview von Lucia Uebersax

Wirtschaftskriminalität ist in der Schweiz weit verbreitet. Entdeckt werden die Delikte häufig nur durch Zufall. Öffentliche Institutionen sind davon betroffen, doch auch Privatpersonen, die oft gar auf einfache Art, um ihr Geld betrogen werden, sind nicht minder davon betroffen. Das Ausmass der Wirtschaftsdelikte ist immens, die Schadenssumme beträchtlich.

SKR: Herr Stein, die Wirtschaftskriminalität in der Schweiz floriert geradezu. Ein ernüchterndes Fazit. Wie können Sie sich dies erklären?

Ich würde nicht sagen, dass die Wirtschaftskriminalität an sich floriert. Wirtschaftskriminalität gibt es schon sehr lange und es wird sie in irgendeiner Form auch immer geben; zumindest so lange die Menschen eine monetäre Ausrichtung pflegen. Ich glaube nicht, dass es heute mehr Wirtschaftskriminalität gibt als früher, indessen sind heute die Instrumente der Strafverfolgung bzw. der Ermittlungen ausgereifter und akribischer. Es wird heute wohl einfach mehr aufgedeckt und publiziert, als noch vor ein paar Jahren.

SKR: Wo ist Wirtschaftskriminalität überall anzutreffen und wen trifft sie am meisten?

Ich unterscheide grundsätzlich in zwei Kategorien. Einerseits besteht eine Delinquenz zum Nachteil von Unternehmen, andererseits gibt es eine solche gegen Privatpersonen. Bei Finanzdelikten, die sich gegen Privatpersonen richten, handelt es sich oft  um irgendwelche Angebote für Dienstleistungen und oder Waren.Bekanntes Beispiel sind da sicher die so genannten Enkeltricks, wo gut organisierte Gruppen konkret ältere Menschen kontaktieren und diese um Geld bitten. Leider oft mit ungeahntem Erfolg. Ganz allgemein kann meines Erachtens nach gesagt werden, dass die Kriminalität gegen den Einzelnen weniger professionell und weniger «trickreich» daherkommt. Es geht oft auch nicht um allzu grosse Beträge. So will man Ihnen vielleicht gefälschte Teppiche oder Uhren verkaufen, oder Sie erhalten plötzlich einen Einzahlungsschein für eine Dienstleistung, die Sie angeblich im Internet gekauft haben sollen. Die Täter bemühen sich mehrheitlich nicht um eine grosse, betrügerische Geschichte, sondern versuchen ihr Glück einfach mal. Hier macht dann die Menge den Erfolg aus.

Bei Wirtschaftskriminalität gegen Unternehmen ist die Tätergruppe zu unterscheiden. Einerseits sind da die internen, andererseits die externen Täter. Gefährlich für das Unternehmen sind meines Erachtens vor allem die internen Täter. Jene also, die die Abläufe bestens kennen und die Schwachstellen gezielt ausnützen können. Sie bereichern sich oft systematisch und jahrelang zum Nachteil der Unternehmung und werden oftmals nie oder erst sehr spät entdeckt.

Dazu kommt noch die Kombination zwischen internen und externen Tätern. D.h. wo ein Mitarbeiter einer Unternehmung mit einem externen Dritten zusammen delinquiert. In der Vergangenheit gab es einige sehr grosse Fälle, wo prominente Unternehmen durch solche Handlungen massiv geschädigt worden sind. Der eigene Mitarbeiter geniesst oft ein hohes Vertrauen und nicht selten werden sämtliche Kontrollmechanismen ausgeschaltet. Es ist gefährlich, wenn man Ladendetektive im Verkaufsgeschäft patrouillieren lässt und für viel Geld intelligente Sensoren beschafft, gleichzeitig aber die führenden Angestellten fast blind schalten und walten lässt. Das früher oft gehörte Sprichwort «Gelegenheit macht Diebe» ist leider nicht so falsch. Gelegenheit macht auch Betrüger.

SKR: Wie trifft die Wirtschaftskriminalität öffentliche Institutionen?

Neben den mit der Strafverfolgung beschäftigten Institutionen wie Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte, werden die öffentlichen Verwaltungen wohl nicht weniger oft mit Finanz delinquenz konfrontiert, als private Unternehmen. Ich glaube kaum, dass der Mitarbeiter einer öffentlichen Institution grundsätzlich integerer und deliktresistenter ist, als der Mitarbeiter einer privaten Unternehmung. Öffentliche Institutionen werden gelegentlich genauso Opfer von Wirtschaftskriminalität. Auch dort können Rechnungen gefälscht oder Zahlungen absichtlich manipuliert werden. Auch dort werden Verträge für nicht existente Leistungen unterzeichnet und ebenso lockt auch dort hin und wieder der triviale Griff in die Kasse. Wobei sich da die zentrale Frage stellt, wo Wirtschaftskriminalität sich von «normaler» Vermögensdelinquenz unterscheidet. Nicht jeder Diebstahl ist ein Fall von Wirtschaftskriminalität. Und längst nicht jede Lüge ist ein Betrug. Auch wenn die Lüge eine Vermögensdisposition auszulösen vermag. Ich denke, dass Wirtschaftskriminalität in der Öffentlichkeit differenziert aufgenommen wird. Viele Menschen sehen darin keine so verwerfliche Tat und attestieren dem Täter eine wesentlich geringere kriminelle Energie, als beispielsweise einem Täter eines Gewaltdelikts. Diese Haltung ist nach meiner Beurteilung falsch und gefährlich. Wirtschaftsdelinquenz ist keine white crime und erst Recht kein marginales Kavaliersdelikt. Der angerichtete Schaden kann enorm sein und – denken Sie an die Fälle Enron und Worldcom zurück – verheerende Folgen haben.

SKR: Welche Erscheinungsformen der Wirtschaftskriminalität gibt es und ist es überhaupt möglich eine klare Abgrenzung zur so genannten «normalen» Vermögensdeliquenz zu machen?

Nun, Wirtschaftskriminalität kommt in den verschiedensten Formen vor. Es ist schwierig, diese abschliessend zu definieren. Selbstverständlich kann man sich die strafrechtlich relevanten Tatbestände vor Augen führen und letztlich sagen, ob es sich um einen Betrug, eine Veruntreuung, ein Konkursdelikt oder ähnliches handelt. Interessant ist für den Ermittler nicht a priori die rechtliche Würdigung, d.h. die finale Subsumierung des Sachverhaltes. Vielmehr interessiert der Sachverhalt an sich. Also die Frage, wie der Täter vorgegangen ist. Neben der verhältnismässig einfachen und simplen Vorgehensweise, beispielsweise dem ungefragten Versenden von Rechnungen, gibt es Fälle, die in ihrem modus operandi schon fast an Genialität grenzen. Ich erinnere dabei an den so genannten «Smart» Fall. Die sehr langen, letztlich sehr erfolgreichen Ermittlungen haben ein Konstrukt aufgezeigt, welches wirklich durchdacht und fast vollendet gewesen ist. Tausende von Personen haben die Geschichte mit dem gratis Smart geglaubt und den Tätern zu einer Deliktssumme von rund 6 Mio. Franken verholfen. Die Frage nach dem Wie, ist für die Ermittler eben von zentraler Bedeutung. Letztlich hinkt die Strafverfolgung und damit die Prävention leider immer ein wenig hinten nach. Während sich die Täterschaft bereits eine neue, intelligentere Vorgehensweise überlegt, ermitteln die Behörden noch an den vergangenen Fällen. Das Verbrechen ist meistens einen Schritt voraus und es ist unerhört schwierig, künftige Verhaltensmuster zu definieren. Wobei man fairerweise auch sagen muss, dass noch längst nicht alle Täter so unglaublich helle Köpfe sind, die komplexe Vorgehensweisen zu entwerfen verstehen. Wobei wir wieder bei einem schon angesprochenen Thema sind: Je nachlässiger die Sicherheitsmassnahmen, die Kontrollen einer Unternehmung sind, desto grösser ist das Risiko der Delinquenz.

SKR: Gibt es irgendwelche Indikatoren, die eine mögliche Wirtschaftskriminalität begünstigen?

Ich glaube persönlich nicht, dass ökonomische Strömungen oder Veränderungen in der Konjunktur einen nachhaltigen Einfluss auf Wirtschaftskriminalität haben. Vielmehr glaube ich, dass die Strafverfolgung, bzw. die zu erwartenden Strafen sich sehr wohl auf das täterische Verhalten auswirken können. Schauen Sie, man hält sich nicht an die Geschwindigkeit, weil man vernünftig ist und den Sinn dahinter sieht. Vielmehr ist es die Busse bzw. ein möglicher Führerausweisentzug, der davon abhält, auf der nächtlichen Autobahn 160 oder 170 km/h zu fahren. So ähnlich verhält es sich wohl auch mit der Finanzkriminalität. Ich habe per Zufall gestern die Premiere des neuen Schweizer Films «Der Fürsorger » gesehen. Geradezu ein Lehrstück, was die Faszination und manchmal auch die Einfachheit der Wirtschaftskriminalität betrifft. Sowohl Täter als auch Opfer wollen reich werden und wittern den simplen Weg zum grossen Geld. Ich denke nicht, dass der Mensch seine Affinität zum Geld, der Wirtschaftslage anpasst. Aus meiner Erfahrung kann man gewisse Parameter definieren, die eventuell Einfluss auf Wirtschaftskriminalität haben. So sind mangelnde Kontrollen, wenig definierte Abläufe, Einzelunterschriften auch bei hohen Beträgen, mangelnde Ausbildung, patriarchalische Strukturen, keine oder mangelhafte Hintergrundabklärungen bei Einstellung, etc. mögliche Hinweise. Ich glaube es wäre vermessen zu denken, dass Wirtschaftskriminalität gänzlich verhindert werden kann. Aber – wie bei jeder Prävention – man kann sie über gewisse Teile erschweren. Sofern man überhaupt bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen.

SKR: Gibt es präventive Massnahmen, die als Teil von Risk Management ergriffen werden können, um Wirtschaftskriminalität zu bekämpfen?

Ja, natürlich gibt es die. Fragen Sie sich, wer welche Kompetenzen hat und ob irgendjemand die Verwendung dieser Kompetenzen ab und zu kontrolliert. Man darf nicht vergessen, dass rund die Hälfte der internen Täter aus dem oberen und obersten Kader kommt. Der Fokus sollte also nicht nur bzw. nicht zu sehr nach unten gerichtet sein, sondern eben auch nach oben oder zur Seite. Die Lagebeurteilung betreffend einer möglichen Gefährdung muss umfassend sein; untersuchen Sie sämtliche Bestandteile Ihres Unternehmens, wo Finanzdelinquenz theoretisch möglich wäre. Auch wenn es noch so absurd erscheinen mag, Täter sind durchaus erfinderisch. Erstaunlicherweise managen viele Unternehmen ihre Debitorenbuchhaltung ausgezeichnet und sind auch darum besorgt, dass die Putzequipe ganz genau kontrolliert und überwacht wird. Wenn es dann um präventive Massnahmen gegen Wirtschaftskriminalität geht, lässt diese Akribie aus ungeklärten Gründen massiv nach. Vielleicht lebt man die Vision, dass es einen nicht treffen kann. Meines Erachtens eine Form von russischem Roulette, wenn auch mit weniger letalem Ausgang. Mitarbeiter müssen geschult und auf das Thema sensibilisiert werden. Es nutzt nichts, wenn das Management glorreiche Strategien gegen die diversen Erscheinungsformen der Kriminalität entwirft, die Person im Call Center davon aber nichts weiss. Genau sie wird letztlich eine Bestellung auslösen, ohne mögliche Background- Abklärungen des Klienten. Es gibt unzählige Beispiele von Fällen, wo das Unternehmen nur darum geschädigt wurde, weil der Mitarbeiter bzw. die Mitarbeiterin sich der Problematik nicht bewusst gewesen ist.

SKR: Was wird auf Seiten der Ermittlungseinsätzen gemacht?

Grundsätzlich tut die Polizei das gleiche, wie es die Unternehmen tun sollten. Die Ermittler werden adäquat ausgebildet und erhalten ihr Rüstzeug, um Wirtschaftsdelikte aufzuklären. Man muss kein Prophet sein um zu erkennen, dass polizeiliche Prävention sehr schwierig ist. Man kann Finanzkriminalität nicht mit dem Strassenverkehr vergleichen. Bei Schulanfang stellt die Polizei vermehrt Plakate auf die Strasse, kontrolliert den Verkehr im Umfeld der Schulhäuser etwas intensiver und informiert via Presse zum Thema. Im Bereich der Wirtschaftskriminalität ist das leider nicht ganz so einfach. Oftmals erfährt die Polizei von einem Delikt auch erst, wenn es längst geschehen ist. Man ermittelt also beispielsweise gegen eine konkursite Unternehmung wegen möglichen Konkursdelikten oder wegen einer Veruntreuung im Vorfeld der Liquidation. Die involvierten Organe sind oft nur noch schwer fassbar und verstecken sich vielleicht bereits wieder hinter der nächsten juristischen Person. Ich habe noch selten gehört, dass jemand bedroht worden wäre, er würde nun bald betrogen werden. Sie kündigen vielleicht eine mögliche Körperverletzung an, aber bestimmt kein Finanzdelikt. In meinen Referaten weise ich oft darauf hin, dass Wirtschaftskriminalität eben auch darum verborgen bleibt, weil niemand ein Aufklärungsinteresse hat. Wenn A und B bisher gute Freunde und Geschäftspartner gewesen sind, dann streiten sich eben erst ums Geld, wenn alles den Bach hinunter gegangen ist. Plötzlich verdächtigen sie sich gegenseitig, mit falschen Karten gespielt zu haben. Und dann kommen beide zur Polizei und beschuldigen den Anderen eines möglichen Delikts. Vielfach ist es so, dass wir einen mutmasslichen Täter haben, d.h. einen Beschuldigten, indessen kein effektives Delikt. Plastisch vorgestellt ist es eben gerade umgekehrt zu einem Tötungsdelikt. Von der Leiche aus suchen die Kollegen von der Abteilung Leib und Leben den Täter. Man hat ein Delikt und rekonstruiert den Sachverhalt, bis der Täter klar ist. In Fällen der Wirtschaftskriminalität ist das eben nicht so. Der Täter hat kaum je das Gefühl, dass er etwas Verbotenes gemacht hat. Vielmehr glaubt er, seine Tätigkeiten hätten stets im Interesse des Unternehmens gelegen. Und natürlich ist es auch oft so, dass finanzielle Totalverluste im Bereich des unternehmerischen Risikos liegen. Konkludent heisst das, dass die Ermittlungen oft schwierig und anspruchsvoll sind. Es ist eine akribische Kleinarbeit in Bilanzen, Erfolgsrechnungen, Geschäfts- und Finanzierungsmodellen, etc. Der Sachbeweis wird auch im Bereich der Wirtschaftsdelinquenz immer wichtiger. Wir suchen mittels IT Forensic nach Spuren in den elektronischen Daten. Nach gelöschten Verträgen, verschwundenen Mails und Transaktionsbelegen die irgendwo abgelegt worden sind.

SKR: Herr Stein, wir danken Ihnen bestens für dieses Gespräch.

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