Interview Peter Fischer
SKR: Was für einen Einfluss hat das Thema digitale Nachhaltigkeit auf die Informatikstrategie des Bundes?
Peter Fischer: Der Einsatz von Informatik- und Telekommunikationstechnik (IKT) in der Bundesverwaltung verfolgt die Ziele der Effektivität (wirksame Unterstützung der Geschäftsprozesse), der Wirtschaftlichkeit, der Sicherheit, Flexibilität und Interoperabilität und berücksichtigt die bekannten Grundsätze der Nachhaltigkeit. Der Bund setzt dabei auf Lösungen mit offener oder solche mit proprietärer Software, je nachdem, welche im konkreten Fall den Bedürfnissen der Geschäftsprozesse und diesen Zielen am besten entspricht. Beide Modelle haben ihre Berechtigung und sollen grundsätzlich gleiche Chancen haben.
SKR: Open Source Betriebssysteme sind oft viel weniger ressourcenlastig als ihre proprietären Äquivalente, sodass sie auch mit älterer Hardware «flüssig» laufen. Wie sehen Sie als Anwender diesen Punkt?
Peter Fischer: Eine Verallgemeinerung in diesem Sinne scheint nicht zuzutreffen. Die Hardwarekosten von Desktop und Laptop sind gemessen an den gesamten IKT-Kosten nur ein kleiner Faktor. Dies trifft sogar auf sehr leistungsfähige PC-Hardware zu. Support, Wartung und Betrieb sind beim professionellen Einsatz von Software die wesentlichen Kostentreiber. Im komplexen IKT-Umfeld der Bundesverwaltung entstehen zudem hohe Kosten für die Sicherstellung der Kompatibilität der ca. 3000 Fachanwendungen untereinander und insbesondere mit der Büroautomation. Das Gesamtsystem muss leistungsfähig und die einzelnen Teile müssen aufeinander abgestimmt sein. Erst in der Gesamtbetrachtung können Ressourcenbedarf und Investitionszyklus sinnvoll bestimmt werden.
SKR: Welche Mehrleistungen rechtfertigen aus Ihrer Sicht die höheren Anschaffungskosten bei proprietären Systemen?
Peter Fischer: Auch für die Kosten ist eine Gesamtbetrachtung (Anschaffung, Implementierung, allfällige Migration, Betrieb, Wartung, Support, etc.) notwendig, die Lizenzkosten machen oft nur einen kleinen Teil davon aus. Sie müssen im konkreten Fall evaluiert werden, eine Verallgemeinerung ist nicht zulässig. Eingesetzt wird, was in der Gesamtbetrachtung am besten abschneidet. Beim professionellen Einsatz von Software stellt sich die Frage, welche Leistungen (z.B. im Bereich Wartung, Integration, Garantie etc.) der Betreiber der Software selber erbringen will, welche er nur vom Hersteller der Software einkaufen und welche er von anderen Dienstleistern beziehen kann. Zumeist übernimmt bei proprietären Systemen der Lieferant eine umfassende Gewährleistung und gewährleistet dem Kunden die Interoperabilität zwischen seinen Komponenten. Für die Bundesverwaltung stellen auch langfristige Wartungsdienstleistungen einen Mehrwert dar. Das alles ist in der Gesamtbetrachtung entsprechend zu gewichten.
SKR: Wie flexibel sind die Systeme, die sie benutzen in Bezug auf spezifische Anpassungen oder Ausbaumöglichkeiten für die speziellen Bedürfnisse öffentlicher Verwaltungen?
Peter Fischer: Wir müssen unterscheiden zwischen Fachanwendungen und Standardanwendungen. Im ersten Bereich muss die Anwendung eng auf die spezifischen Geschäftsbedürfnisse abgestimmt und angepasst sein. Bei Standardanwendungen sind die Anforderungen der Verwaltung hoch, wenn auch zumeist nicht höher als diejenigen anderer Grossunternehmungen. Die notwendige Flexibilität wird mit den Lieferanten, seien es interne oder externe, offener oder proprietärer Software, vereinbart. Wir sind zufrieden mit der Flexibilität der bei uns eingesetzten Systemen. Flexibiliät und Interoperabilität werden dennoch laufend verbessert.
SKR: Viele Anwender haben Bedenken, einen vollständigen Wechsel auf OSS zu vollziehen, weil sie Probleme darin sehen, dass hinter Linux keine Firma steht, die für den Support aufkommt. Wie wichtig ist die Frage nach technischem Support für den Bund als Anwender?
Peter Fischer: Ein Grossanwender wie die Bundesverwaltung ist darauf angewiesen, einen garantierten Support für ihre breit eingesetzten Lösungen zur Verfügung zu haben. Bei rund 37’000 elektronischen Arbeitsplätzen muss der technische Support in hoher Qualität und auch für ältere im Einsatz befindliche Systeme gewährleistet sein.
SKR: Wieviel grösser schätzen Sie den Schulungsaufwand ein, wenn man von Windows XP statt auf Windows Vista bzw. Windows 7 auf eine OpenSource Variante wechseln würde?
Peter Fischer: Die Informatikmitarbeitenden in Betrieb und Support hätten einen enorm hohen Schulungsbedarf, müssten sie doch eine vollständig neue Umgebung erlernen und unterstützen. Um wieder auf dem notwendigen Niveau zu sein, sind einige Monate Schulung, Einarbeitung und Betriebserfahrung nötig. Gegebenenfalls wären sie durch neue Fachkräfte zu ersetzen oder externe Expertise müsste zugekauft werden. Auch der Aufwand für die Umgewöhnung der zehntausenden von Mitarbeitenden der Bundesverwaltung auf völlig neue Umgebungen bei Software-Migrationen darf nicht unterschätzt werden. Je grösser der Unterschied in der Wahrnehmung des Endbenutzers, desto grösser der Widerstand und der Aufwand für die Schulung. Da die Informatik für die Nutzenden und nicht umgekehrt da ist, ist diesem Aspekt das nötige Gewicht beizumessen. Aber mindestens schlägt der Aufwand für die Migration der Einbettung der Fachanwendungen z.B. in die Büroautomation zu Buche. Hier haben wir es in der Bundesverwaltung mit tausenden von Anwendungen zu tun. Das ergibt eine enorme Komplexität mit den entsprechenden Kosten und Risiken. Das ist ein entscheidender Faktor für die Wahl der Software.
SKR: Setzt der Bund auch stellenweise OSS ein, wie zum Beispiel bei Browsern, OpenOffice oder für Serversoftware? Wo und wieso wird OSS eingesetzt?
Peter Fischer: Der Bund setzt OSS im Serverbereich sehr breit ein, über ein Viertel der Server des Bundesamtes für Informatik laufen unter Linux. Ein grosser Teil des Internetauftritts der Bundesverwaltung wurde mit der OSS Apache realisiert. Weitere Beispiele sind der Einsatz von Perl, PHP, Plone, Firefox, Eclipse, OpenLDAP und OpenSSL, um nur einige zu nennen. OSS wird dann eingesetzt, wenn sie in der Gesamtevaluation (Effektivität, Wirtschaftlichkeit, Interoperabilität etc.) am besten abschneidet. Genauso wie proprietäre Software.
SKR: Wir danken Ihnen bestens für das Gespräch.
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