Interview Matthias Stürmer
SKR: Wie beeinflusst das Konzept der «digitalen Nachhaltigkeit» die Weiterentwicklung von Open Source Software?
Matthias Stürmer: Wenn etwas nachhaltig verwendet wird, bleibt es langfristig regenerierbar, sodass unsere Nachfahren von demselben Gut profitieren können wie wir. Auf Software angewendet bedeutet Nachhaltigkeit Folgendes: Wenn ich mich heute für eine proprietäre Software entscheide und Millionen von Franken in die Weiterentwicklung und in die Ausbildung von Arbeitskräften investiere, dann werde ich in zehn Jahren völlig abhängig von der proprietären Plattform sein. Dann habe ich meinen Nachkommen einen sehr engen Handlungsspielraum geschaffen: Sie müssen sich entweder auf diesem Pfad weiterbewegen oder sich mit riesigem Kostenaufwand eine komplett neue Lösung schaffen. Habe ich hingegen eine Plattform mit offenen Schnittsstellen und offener Software, besitze ich Freiheitsgrade, die mir Optionen ermöglichen. Hier kommt die Nachhaltigkeit ins Spiel.
Den Begriff der «digitalen Nachhaltigkeit» gibt es noch nicht lange. Open Source ist älter und noch viel älter ist das Konzept der freien Software. Daher ist es eher so, dass die erfolgreiche Entwicklung der Open Source Community das Konzept der digitalen Nachhaltigkeit beeinflusst hat. Wie gut die Entwicklung von OSS funktioniert, bewies der Linux Kernel, der sich innert 20 Jahren aus einem Studentenprojekt zum vermutlich grössten Softwareentwicklungsprojekt der Welt entwickelt hat.
SKR: Open Source Betriebssysteme sind oft viel weniger ressourcenlastig als ihre proprietären Äquivalente, sodass sie auch mit älterer Hardware «flüssig» laufen. Wie gross schätzen Sie das Potenzial von OSS in dieser Hinsicht ein?
Matthias Stürmer: Ein grosser Vorteil von Linux ist, dass es auch auf Desktop-PCs alter Generation läuft, auf denen schon lange kein XP, geschweige denn ein Vista oder Windows 7 mehr laufen würde. Zusätzlich zu den geringen Hardware-Anforderungen ermöglicht die schlanke Softwarestruktur von OSS technologische Entwicklung. So setzen heutige Handys Prozessoren ein, die eine vergleichbare Stärke wie frühere Computer haben. Das bedeutet, dass man sogar auf Kleinsttelefonen mit sehr wenig Stromverbrauch und Rechenleistung ein vollwertiges Linux-Betriebssystem betreiben kann. Nokia hat das früh erkannt und letzten Herbst das erste linuxbasierte Handy N900 herausgegeben. Die geringen Rechenleistungs-Anforderungen von Linux sind auch für Entwicklungsländer von Interesse, die geringere Kapazitäten an Strom und weniger gute Rechenstrukturen aufbringen. Open Source ist somit auch ökologisch nachhaltig, weil Hardware länger und mehrfach verwendet werden kann.
SKR: Liegt in den fehlenden Lizenzgebühren bei OSS das grösste Sparpotenzial oder sehen Sie auch weitere Bereiche, die zu Kostenersparnissen führen?
Matthias Stürmer: Die Lizenzgebühren führen kurzfristig zu Kosteneinsparungen, denn man kann natürlich nicht ausrechnen, wie teuer ein Windows in 20 Jahren sein wird. Langfristig hat man bei OSS den Nutzen, dass man freier ist in der Wahl des Anbieters. Diese Freiheitsgrade bedeuten für den Nutzer einen grösseren Handlungsspielraum und Verhandlungsstärke. Und mit Verhandlungsstärke sinken auch die Preise, nicht nur für die Lizenzen, sondern auch für allfällige Dienstleistungen.
SKR: Wie flexibel sind Open Source Systeme in Bezug auf spezifische Anpassungen oder Ausbaumöglichkeiten für die Bedürfnisse öffentlicher Verwaltungen?
Matthias Stürmer: Das Konzept von OSS, eigene Erkenntnisse anderen Nutzern bereitzustellen, antwortet geradezu auf die Bedürfnisse einer öffentlichen Verwaltung. Das aktuellste Beispiel ist die geplante Einführung des eVoting, bei dem jeder der 26 Kantone seine eigene eVoting-Lösung entwickelt. Bereits ist vorgegeben, dass jeder Kanton, der eine eVoting-Lösung mit Fördergeldern des Bundes entwickelt, den Quellcode anderen Kantonen freigeben muss. Das ist wie eine kleine, in sich geschlossene Open Source Community. Es gibt weitere Beispiele einer Entwicklung für gemeine Interessen. So hat der Kanton Bern mehrere Kantone in die Entwicklung seiner Gemeinderegister-Lösung GERES involviert und der Kanton Zug sein Intranet veröffentlicht. Das Prinzip von Open Source Communities scheint auch für öffentliche Verwaltungen erfolgreich zu funktionieren. Ich würde es allen Gemeinden empfehlen.
SKR: Viele Anwender haben Bedenken, einen vollständigen Wechsel auf OSS zu vollziehen, weil sie Probleme darin sehen, dass hinter Linux keine Firma steht, die für den Support aufkommt. Welche Lösungen gibt es im Supportbereich für Anwender?
Matthias Stürmer: Man muss zwischen Privatanwendern und Unternehmen unterscheiden. Für Privatanwender besteht noch ein Supportproblem für das Linux-Knowhow für den Alltag. Ganz anders ist es im professionellen Umfeld. Da gibt es mehrere grosse Player wie eine RedHat oder eine Novell, die Entwickler von Linux-Distributionen beschäftigen. Dank diesen Entwicklern können Firmen die Fehlerbehebung garantieren. Mit solchem Support ist es heute ohne Weiteres möglich, auf OSS zu migrieren, wie es die Kantone Solothurn, Waadt, Genf, oder auch das Bundesgericht demonstriert haben.
SKR: Viele Anwender fürchten sich vor der Umgewöhnung an das neue OSS-System. Wieviel komplizierter ist eine Umstellung auf ein Betriebssystem wie Ubuntu im Gegensatz zu einer Umstellung auf Windows Vista oder Windows 7 für einen Nutzer von Windows XP?
Matthias Stürmer: Ich will nicht verheimlichen, dass die Umstellung spürbar ist. Denn ein Wechsel zu Linux bedeutet auch die Umstellung auf neue Applikationen, weil die herkömmlichen MS Office oder Photoshop auf dem Linux-Betriebssystem nicht laufen. Am schmerzlosesten ist die Umstellung, wenn aus ihr kein «Big Bang» gemacht, sondern sie schrittweise vollzogen wird. So kann man zum Beispiel zuerst ein OpenOffice.org einführen und Fachapplikationen ins Web oder auf eine plattformunabhängige Java-Umgebung migrieren.
Aus aktuellem Zusammenhang möchte ich die Windows-Vista-Migration des Bundes aufgreifen. Microsoft-Vertreter, der Bund und manche andere behaupten, dass ein Wechsel auf Linux unmöglich sei, weil er Verzögerungen und Mehrkosten verursachen und die Leute verärgern würde. Gerade vor einem Monat beschloss der Bundesrat jedoch aufgrund von Verzögerungen der Windows-Vista-Migration, zusätzlich Windows 7 einzuführen. Da wurde gezeigt, dass auch bei einer Migration von Windows zu Windows mit Zeitverzögerungen zu rechnen ist, Mehrkosten entstehen, die Leute verärgert werden und Anwender neue Applikationen erlernen müssen. Damit wurde für mich der Gegenbeweis für das Kontra-Linux-Argument geliefert.
SKR: Für welche Art Institution respektive in welcher Geschäftslage ist eine Umstellung auf Open Source besonders lohnenswert?
Matthias Stürmer: Es macht meiner Meinung nach für jede Institution, die substanzielle IT-Kosten hat, Sinn, eine Open-Source- Strategie inklusive konkreten Umsetzungsmassnahmen auszuarbeiten. Das kann jeder machen, ohne von heute auf morgen migrieren zu müssen. Wir beobachten, wie einige Kantone, Firmen und Bildungsinstitutionen ihren Software-Einsatz so planen, dass sie künftig eine reale Option haben, den Wechsel zu vollziehen. Sie müssen im Endeffekt nicht migrieren, erlangen aber mindestens die Verhandlungsstärke mit einer Oracle oder SAP.
SKR: Wir danken Ihnen bestens für das Gespräch.
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