Freitag 10. September 2010
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Burnout - die Krise verschärft die psychische Belastung am Arbeitsplatz

Durch Therapien können emotionale und physische Reserven wiederhergestellt werden

von Julia Voronkova

Die Zahl der Beschwerden über psychischen Druck im Berufsleben hat im Verlauf der Wirtschaftskrise zugenommen. An der unbefriedigenden Arbeitssituation wird sich demnächst wohl kaum etwas ändern, denn trotz der allmählichen Stabilisierung der Schweizer Konjunktur prognostizieren Experten nur eine schleppende Erholung im Jahr 2010. Dass die überhöhten Anforderungen an Arbeitnehmer nicht unbemerkt vorüberziehen, beweist das inzwischen populär gewordene «Burnout-Syndrom». Das arbeitsbedingte «Ausbrennen» kann bei den Betroffenen bis hin zur Lebensgefahr ausarten und ist mit erheblichen Kosten für Staat und Wirtschaft verbunden.

Krankmacher Wirtschaftskrise Stress

Auch in der Rezession werden in vielen Betrieben die Leistungsanforderungen an die Arbeitnehmenden hochgehalten. «Da müssen wir nun mal durch», lautet das Rezessionsmotto. Was dabei ausgeblendet wird, sind die persönlichen Ressourcen und Bedürfnisse der Erwerbstätigen.
Viele Angestellte überfordern sich, indem sie überdurchschnittlichen Einsatz zeigen und zum Beispiel trotz Krankheit bei der Arbeit erscheinen (so genannter Präsentismus) oder die Arbeit in ihre Freizeit verlagern. Solche Anti-Krisen-Massnahmen schlagen auf Dauer auf die Gesundheit der Angestellten nieder und führen zum Leistungsabbau oder gar zum Arbeitsausfall. Eine Form des Krankwerdens infolge von Arbeitsüberlastung ist das so genannte Burnout-Syndrom – eine vollumfängliche körperliche und seelische Erschöpfung.

«‹Da müssen wir nun mal durch›, lautet das Rezessionsmotto»

Burnoutbetroffene Arbeitnehmende bleiben in der Regel für mindestens sechs bis acht Wochen dem Arbeitsplatz fern. Hier setzt der Teufelskreis für das Unternehmen ein: Die Ausfälle müssen mit zusätzlichen Leistungen der anderen Mitarbeiter ausgeglichen werden, die dadurch selber dem Risiko anheimfallen, arbeitsbedingt zu erkranken. Zudem gefährden müde Mitarbeiter die Sicherheit am Arbeitsplatz, was besonders bei Berufsfeldern mit hohem Sicherheitsanspruch (Bsp.: atomare Einrichtungen, Transportwesen) zu enormen Risiken für die Aussenwelt führen kann.

Die Gewerkschaftler und Arbeiter prognostizieren, dass die Belastungen während der Rezession weiterhin ansteigen werden. Die Ausfälle wertvoller Mitarbeitender zum Einen und die Folgekosten durch andauernde Erkrankungen und Therapien zum Anderen sind eine enorme Belastung für Versicherungsträger und Gesundheitsbudgets. Berufsunfälle und Berufskrankheiten verursachen jährlich Kosten von fünf Milliarden Franken, rechnet der Bericht «Arbeit und Gesundheit» des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) vor. Insgesamt werden gemäss der Studie in der Schweiz jährlich rund 250’000 Berufsunfälle und arbeitsbedingte Erkrankungen registriert. Über 1’400 Betroffene werden invalid. Rund 111 Personen verlieren ihr Leben. Die Lage verschärft sich, weiss die Personenversicherung Bâloise. Per Ende Oktober 2009 haben bei ihr die Schadenfälle im Vergleich zum Durchschnitt der letzten fünf Jahre um erschreckende 10% zugenommen.

Eine weitere traurige Realität ist, dass viele Menschen bereit sind, ihrer Gesundheit nicht nur durch Stress, sondern auch durch die regelmässige Einnahme von «Muntermachern» nachhaltig zu schaden: Immer mehr Menschen greifen zu Medikamenten, um ihre Arbeitsleistung zu verbessern. Gemäss einer Umfrage einer deutschen Krankenkasse sind mehr als die Hälfte der Befragten bereit, Aufputschmittel einzunehmen, um ihre Arbeitsleistung zu steigern. Eine erschreckende Erkenntnis, denn Medikamente verfügen nicht nur über zahlreiche Nebenwirkungen, sondern bergen auch Suchtpotential. Der Konsum von Muntermachern und Rauschmitteln ist insofern problematisch, als es im Durchschnitt etwa sieben Jahre dauert, bis seine Folgen für das Umfeld der Betroffenen sichtbar werden. Die Krise wird also nicht folgenlos vorüberziehen.

Warum die Überlastung kein individuelles Problem ist

Der technologische Fortschritt hat den Dienstleistungssektor stark gewandelt. So weist der moderne Arbeitsplatz elektronische Kommunikationsmittel auf, welche die Arbeitsprozesse verdichten und beschleunigen. Die verdichteten Arbeitsprozesse führen zu Stress. In der Europäischen Union ist Stress bereits das zweithäufigste arbeitsbedingte Gesundheitsproblem.

«Nach der Jahrtausendwende hat sich die Zahl der Menschen, die vom Burnout-Syndrom betroffen sind, um 30% erhöht»

Auch in der Schweiz sind Stress und Spannungen am Arbeitsplatz die häufigsten Gesundheitsrisiken. Das belegt die jüngste Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) zu Arbeit und Gesundheit aus dem Jahr 2007.
In der Studie klagt die Mehrheit der befragten Angestellten (62%) über Stress und Zeitdruck am Arbeitsplatz. Weitere 36% der Personen melden Spannungen am Arbeitsplatz, welche in ihrer Auswirkung mit dem schwerwiegenden Risiko des Mobbing einhergehen, dem Psychoterror, von dem mit 8% verhältnismässig viele Befragte angeben, betroffen zu sein (2005 waren es 7%). 33% der Befragten verspüren Nervosität am Arbeitsplatz und ganze 10% klagen über arbeitsbedingte Angstzustände. Weitere 10% berichten über Unterforderung, was bedeutet, dass ein Zehntel der Arbeitskraft-Ressourcen nicht ihren Möglichkeiten entsprechen. Eine Erkenntnis der Studie ist, dass viele Menschen mit ihrem Tageserwerb überfordert sind und dadurch ihre Gesundheit langfristig beeinträchtigen. Nach der Jahrtausendwende hat sich die Zahl der Menschen, die vom Burnout-Syndrom betroffen sind, um 30% erhöht.

Burnout: Ein Krankheitsbild zwischen Stress und Depression

Der Psychoanalytiker Herbert Freudenberger brachte als erster die körperliche und seelische Erschöpfung mit der Überlastung am Arbeitsplatz in Verbindung.
Um das Phänomen zu bezeichnen, übernahm Freudenberger in seinem Aufsatz von 1974 den Terminus «burn out» aus der technischen Fachsprache. Dort bezeichnet der Begriff das Abbrennen von Brennstoffelementen bei Überhitzung.

Auf den Krankheitsverlauf bezogen lässt sich das Burnout als eine brennende Kerze vorstellen, der allmählich ein Glas übergestülpt wird. Die Flamme wird immer kleiner, bis die Kerze verlöscht. Um die Flamme wieder zum Leben zu erwecken, muss die Einengung zunächst beseitigt und dann auf ein erträgliches Mass gebracht werden.

Verursacht wird ein Burnout durch Stress. Stress ist neutral betrachtet ein Spannungszustand infolge einer überdurchschnittlichen Beanspruchung, die sowohl positiv als auch negativ auf den Menschen einwirken kann. So wird unterschieden zwischen «Eustress», dem anspornend wirkenden Spannungszustand, und «Distress », der einen negativen Effekt auf das psychische Gleichgewicht des Einzelnen ausübt. Wird der Distress zu einer Dauererscheinung, so sucht sich der Körper durch die Krankheit einen Ausweg aus der ihn zugrunde richtenden Situation. So gesehen ist das Burnout ein Schutzmechanismus des Körpers.

Obwohl das Burnout oft Hand in Hand mit der Depression geht, ist es von ihr zu unterscheiden. Während die Depression alle Lebensbereiche durchdringt, ist das Burnout zumeist arbeitsbezogen und lässt Ausbrennerinnen und Ausbrenner zumindest im Anfangsstadium auch unbeschwerte Lebensphasen erleben. Verspätet diagnostiziert kann ein Burnout jedoch in eine Depression münden.

Die Verwendung des Begriffs «Burnout» ist in der Medizin unüblich. Trotzdem betonen viele Ärzte den Vorteil des Arbeitswelt-Begriffs, weil in ihm mitschwingt, dass es sich bei der Erkrankung nicht um persönliches Versagen handelt, sondern, dass sie auf die arbeitsbedingten und gesellschaftlichen Umstände zurückzuführen ist.

Die Symptome

Das Burnout-Syndrom weist ein unspezifisches Beschwerdebild auf. So fallen darunter die Symptome mehrerer anderer Krankheitsbilder. Zum Einen treten beim Burnout-Syndrom psychische Anzeichen auf wie emotionale Erschöpfung, Niedergeschlagenheit, Ängste und Nervosität. Es können aber auch, zumeist ausgelöst durch die psychischen Symptome, physische Symptome auftreten wie körperliche Erschöpfung, Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Herzrasen. Im Verlauf des Burnouts schwindet die Konzentration, die Entscheidungen fallen immer schwerer und Selbstzweifel beginnen Oberhand zu nehmen. Am Ende des Verlaufprozesses steht fast immer der soziale Rückzug. Für die Diagnose entscheidend ist der Schweregrad der Anzeichen.

Problematisch am Syndrom ist, dass es sich schleichend einstellt und deshalb sowohl für den Betroffenen als auch für sein Umfeld nur schwer zu erkennen ist. Die Symptome sind nicht eindeutig dem Burnout- Syndrom zuzuordnen und lassen sich auch nicht messen. Eine weitere Schwierigkeit ist die hohe Empfindlichkeit der Betroffenen, ihr «Scheitern» zuzugeben. Als Folge wird mitunter der Verlust des Arbeitsplatzes befürchtet. So bagatellisieren Gefährdete oder Betroffene ihre gesundheitlichen Einbussen und versuchen, anstatt Hilfe zu suchen, die Symptome durch Rauschmittel oder Eigenmedikation zu unterdrücken. Das stille Leiden verhindert eine Änderung der Situation und kann durchaus lebensgefährdende Züge annehmen: Finden die Betroffenen keine Instanz, die sie auffängt, so kann die Ausweglosigkeit bis hin zum Selbstmord führen.

«Finden die Betroffenen keine Instanz, die sie auffängt, so kann die Ausweglosigkeit bis hin zum Selbstmord führen»

Psychosoziale Risiken nach Branchen und Persönlichkeitstypen

Die Aufschlüsselung nach Branchen zeigt, dass vor allem die Branchen Verkehr und Nachrichtenübermittlung, Banken, Versicherungen und Gesundheits- und Sozialwesen hohen psychosozialen Risiken ausgeliefert sind.

Zu einer besonders stark ansteigenden Risikogruppe gehören Angestellte des ITBereichs. Aufgrund der sich rapide entwickelnden Technologien sind die Mitarbeitenden der IT-Branche im besonderen Masse Veränderungen von Arbeitsprozessen ausgesetzt. In Deutschland gibt die Hälfte der IT-Beschäftigten an, des Öfteren am Rande des Zusammenbruchs zu stehen. Davon dürfte mindestens die Hälfte akut burnoutgefährdet sein.

Nicht alle Menschen reagieren gleich auf ungewöhnlich fordernde Lebensbedingungen. Persönliche Risikofaktoren sind übermässige Erwartungen an sich selber, mangelnde Konfliktfähigkeit sowie die Unfähigkeit, sich von überfordernden Aufgaben abzugrenzen und sich somit zu schützen. Äussere, auf die Arbeitssituation zurückgehende Risikofaktoren sind der Mangel an zielgerichteter Kommunikation, geringe Gestaltungsmöglichkeiten im Beruf und ungeregelte Arbeitszeiten.

Dabei könnte alles umgangen werden – die Präventionsmöglichkeiten

Um ihre Mitarbeitende vor einem Burnout zu schützen, sollten Arbeitgeber realistische Erwartungen an sie stellen. Dementsprechend wichtig ist eine gute Gesprächskultur. Führungskräfte und Mitarbeitende sollten miteinander über gemeinsame Ziele, das richtige Mass an Belastung, über Stärken und Schwächen und über Hilfestellungen diskutieren können.

Vielfach werden externe Mitarbeiterberatungen angeboten, bei welchen durch professionelles Eingreifen der Teufelskreis unterbrochen werden kann. Zusammen mit den Burnout-Betroffenen versuchen die Berater, deren Leistungsfähigkeit zu erhalten und Kräfte wiederherzustellen. Eine externe Beratung bietet zumeist eine Ursachenanalyse an und erwägt Gegenmassnahmen, die zum Beispiel durch das Erstellen eines Zeitmanagements und einer Work-Life-Balance eingeleitet werden können. In einem nächsten Schritt wird zusammen mit den Burnout-Betroffenen das Arbeitsumfeld analysiert und nach Ressourcen gesucht, um die Arbeitsumgebung langfristig an die Fähigkeiten der Angestellten anzupassen.

Eine weitere Möglichkeit der Prävention bietet die Hilfe eines externen Absenzmanagers, der den Arbeitnehmenden jederzeit für rechtliche und medizinische Fragen zur Verfügung steht und im Fall einer temporären Arbeitsunfähigkeit eine rasche Reintegration in den Arbeitsprozess einleitet.

Wohin mit der Erkrankung?

Ist es aber einmal so weit, dass sich der Zustand der inneren Leere und Erschöpfung eingestellt hat, so sind verschiedene Therapiemöglichkeiten denkbar. Nicht immer, aber in vielen Fällen ist eine ambulante Therapie sinnvoll, weil die Betroffenen einer geschützten Umgebung zur Regenerierung bedürfen. In besonders schwerwiegenden Fällen, etwa wenn das Syndrom in eine Depression übergeht, ist professionelle Hilfe in stationärem Rahmen nötig. Heute gibt es bereits eine Reihe von Kliniken, die eigens auf Burnout spezialisiert sind. Dort werden in einer ersten Phase die Erschöpfungssymptome behandelt. In der zweiten Phase können durch Therapien emotionale und physische Reserven wiederhergestellt werden. In der dritten Phase wird versucht, die Person wieder in den Arbeitsalltag einzugliedern.

Zusätzlich zu den medizinischen Angeboten gibt es ein breites Angebot an alternativen Therapiearten. Ein Beispiel ist der Alp Öhi im Kanton Glarus. Dort wird durch den Einbezug von Burnout-Erkrankten in die Landarbeit versucht, bei diesen einen Bezug zur Natur zu schaffen und dadurch ihre Lebenskraft zu stärken.

Noch zögern viele Betriebsräte, die Konsequenzen des Burnouts anzugehen, trotz des Wissens um die Schwere der derzeitigen Situation im Arbeitsumfeld. Dabei gibt es Möglichkeiten, die Mitarbeitenden am Arbeitsplatz vor den fatalen Folgen einer Dauerbelastung zu schützen. So ist es nun an den Arbeitgebern, das Wohlbefinden am Arbeitsplatz zu fördern und Gesundheitspotentiale zu stärken. Denn die Produktivität eines Betriebs hängt massgeblich von zufriedenen und motivierten Mitarbeitenden ab. Und diese brauchen für die Erfüllung der ihnen gestellten Aufgaben ein Betriebsklima frei von psychosozialem Druck.

Referenzen

1 «Arbeit und Gesundheit», Bundesamt für Statistik im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) 2007
2 Wacker, Martina: Die Krise schlägt auf die Gesundheit, Versicherer, 09.12.2009

Selbstmordserie in Frankreich

Die stärkste Selbstmordwelle im Zusammenhang mit psychosozialem Druck am Arbeitsplatz ist in Frankreich zu verzeichnen. In der französischen Stadt Chinon waren bei einem Atomkraftwerk vier Selbstmorde binnen zwei Jahren zu verzeichnen. Obwohl für einen Kausalzusammenhang zwischen den Arbeitsbedingungen und den Selbstmorden handfeste Beweise fehlen, führen die Arbeitskollegen der Verunglückten die Unglücksfälle auf den zunehmenden ökonomischen Druck im AKW zurück.

Auch das Renault-Technologiezentrum Guyancourt bei Paris hatte mit Suiziden umzugehen: Im Zeitraum von Oktober 2006 und Februar 2007 haben sich drei Angestellte das Leben genommen. Darauf folgte eine weitere tragische Suizid-Serie im Zeitraum zwischen April und Mai 2007 beim elsässischen Autowerk von Peugeot- Citroën in Mulhouse, wo vier Angestellte Selstmord begangen.

In Frankreich kommt es jährlich zu mehreren Tausend Selbstmorden, von denen ein grosser Teil der Überlastung am Arbeitsplatz zuzuschreiben wäre. Zu beweisen ist der Zusammenhang jedoch nicht. Nicht so bei bei dem französischen Telekommunikationsriesen France Télécom. In den vergangenen beiden Jahren haben sich dort 32 Mitarbeitende das Leben genommen. Die Untersuchungsergebnisse einer Unternehmensberatung belasten die Konzernspitze schwer. Mitunter sei die beispiellose Selbstmordserie auf das «brutale Betriebsklima» zurückzuführen. Das Management habe versagt, so die Unternehmensberatung, und trage damit Mitschuld an den Suiziden.

 

Wirtschaftskrise erhöht psychische Belastung

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Immer mehr Menschen greifen zu Medikamenten, um ihre Arbeitsleistung zu verbessern
Psychosoziale Risiken für die Gesundheit, Erwerbstätige in Prozent

Fachliteratur zum Thema

"Stress, Mobbing, Burn-out am Arbeitsplatz"

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