Mittwoch 10. März 2010
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Andreas Schuppli - CEO für die Gemeinde Riehen

Andreas Schuppli, Leiter Gemeindeverwaltung Riehen

Interview von Diana Messerschmid

Heute arbeiten zahlreiche Gemeinden nach den Richtlinien der wirkungsorientierten Verwaltung (WOV). Als Vorzeigebeispiel gilt die Gemeinde Riehen im Kanton Basel Stadt. Wie kaum eine andere Gemeinde in der Schweiz hat Riehen (20’700 Einwohner) die Trennung von operativem Geschäft und Strategie verwirklicht. Der Gemeinderat ist für die Erarbeitung der politischen Zielsetzungen zuständig, während die Verwaltung diese Planungen unterstützt und die strategischen Vorgaben von Parlament und Exekutive umsetzt. Die Gemeindeverwaltung wird von Andreas Schuppli, Gemeindeverwalter geleitet. Er vertritt die Gemeindeverwaltung gegen aussen und gegenüber dem Gemeinderat. Er nimmt an den Sitzungen des Gemeinderates mit beratender Stimme teil. Die Gemeindeverwaltung ist ein nach modernen Gesichtspunkten strukturierter Betrieb. Nach aussen stellt die Verwaltung ihre Dienste in Form von Produkten dar, während der Betrieb selbst in acht Abteilungen gegliedert ist. Die acht Abteilungsleitenden sind Andreas Schuppli direkt unterstellt.

SKR: Wie kam Riehen dazu, die Aufgaben der Gemeindeverwaltung nach den Richtlinien der wirkungsorientierten Verwaltung neu zu definieren?

Andreas Schuppli: Auslöser war eine Führungskrise an der Spitze der Verwaltung Ende der 90er Jahre. Zur Eskalation beigetragen hatten ein gescheitertes WOV-Pilotprojekt und eine Betriebsanalyse. Der Gemeinderat beschloss in der Folge einen umfassenden Neustart, mit einer Gemeindereform, welche neben der Verwaltung auch die politischen Ebenen – Gemeinderat und Parlament – einbezog. Mit dieser Perspektive wurde ein neuer Gemeindeverwalter gesucht, dem gleichzeitig die Leitung des Reformprojektes übertragen wurde.

SKR: Wie konnten Sie sich für das Amt des Gemeindeverwalters entscheiden?

AS: Die Möglichkeit, eine vielfältige Managementaufgabe im öffentlichen Dienst übernehmen zu dürfen, verbunden mit einem spannenden Reformprojekt an der Schnittstelle zwischen Verwaltung und Politik, war eine reizvolle Herausforderung. Gemeinderat und Abteilungsleitende zeigten zudem eine hohe Bereitschaft zum Veränderungsprozess. Meine früheren Erfahrungen aus einer leitenden Funktion in der kantonalen Verwaltung und meine Verbundenheit mit der Gemeinde Riehen begünstigten den Entscheid.

SKR: Wie wird Ihr Tätigkeitsfeld als Gemeindeverwalter im Wesentlichen beschrieben?

AS: In der Gemeinde Riehen ist das Modell «Verwaltungsrat mit CEO» (siehe Kasten) seit 2003 konsequent umgesetzt. Der Gemeindeverwalter leitet als Verwaltungschef die Gemeindeverwaltung und ist direkter Vorgesetzter der Abteilungsleitenden und der Stabsfunktionen (Personelles, Controllerdienst, Rechtsdienst). Er ist Anstellungsinstanz  ür die zweite Führungsebene und hat Weisungsbefugnis im Bereich der betrieblichen Organisation, der Zuständigkeiten und der Personalführung.

Die Abteilungsleitenden haben ihrerseits eine starke Stellung im Betrieb, mit hoher Entscheidkompetenz und Verantwortung. Sie bilden unter dem Vorsitz des Gemeindeverwalters zusammen mit der Leiterin Personelles und dem Controller die Geschäftsleitung der Verwaltung. Hier findet im Wesentlichen die abteilungs- und produktübergreifende Koordination und Arbeitsorganisation statt, v.a. bezüglich der Leistungserbringung, der Planung, des Berichtswesens und des internen Kontrollsystems.

Der Gemeindeverwalter nimmt mit beratender Stimme und Antragsrecht an den Gemeinderatssitzungen und in gemeinderätlichen Ausschüssen teil. Er vertritt die Entscheide des Gemeinderats gegenüber der Verwaltung, soweit dies nicht durch die Gemeinderatsmitglieder über die sog. «Fachschnittstelle» erfolgt - einer klar definierten Schnittstelle zwischen den Fachverantwortlichen der Verwaltung und dem politisch zuständigen Mitglied des Gemeinderats. Gleichzeitig vertritt der Gemeindeverwalter die gesamtbetrieblichen Belange der Gemeindeverwaltung gegenüber dem Gemeinderat und nach Aussen gegenüber der Bevölkerung. Neben den Managementaufgaben wirkt der Gemeindeverwalter im Rahmen von Projekten oder einzelnen Sachbereichen an der inhaltlichen Arbeit der Verwaltung mit, oft verbunden mit der rechtlichen Bearbeitung von Geschäften (z.B. bei Rechtserlassen oder Verträgen). In Riehen fungiert der Gemeindeverwalter ferner auch als Ratssekretär des Einwohnerrats. Damit ist er definitiv «Botschafter zwischen den drei Ebenen».

SKR: In welchen Gebieten kann die Gemeinde Riehen, welche wesentlichen Fortschritte seit der Einführung des neuen Führungsmodelles, verzeichnen?

AS: Mit der Riehener Gemeindereform wurden neue Strukturen und Steuerungsinstrumente für Politik und Verwaltung geschaffen. Zentral war das Erneuern und Festlegen der Spielregeln und der Zuständigkeiten in einem gemeinsamen Prozess. Der Gemeinderat wirkt heute als eigentliches Führungsteam. Er bearbeitet verstärkt gemeinsam die grossen politischen Themen. Die Delegation des operativen Geschäfts an die Fachleute der Verwaltung ist weit fortgeschritten und gut akzeptiert. Das Zusammenspiel zwischen Gemeinderatsmitgliedern und Verwaltung funktioniert insgesamt sehr gut. Das Geschäftsleitungsmodell der Verwaltung bewährt sich. Die Verantwortung für den Gesamtbetrieb ist breit abgestützt. Gesamtbetriebliche Probleme und Konflikte kommen auf den Tisch.

Sehr positiv ausgewirkt hat sich auch die starke Delegation von Teilverantwortungen innerhalb der Verwaltung auf rund 40 Mitarbeitende (Abteilungsleitende sowie Produkt- bzw. Kostenstellenverantwortliche). Die Produkt- und Kostenstellenverantwortlichen in der Verwaltung identifizieren sich in hohem Mass mit ihrem neuen Verantwortungsbereich. Die direkten Kontakte zwischen Parlamentsmitgliedern und Fachverantwortlichen der Verwaltung haben sich verstärkt – die Durchlässigkeit ist grösser geworden.

SKR: Worin sehen Sie beim modernen Führungsmodell «Gemeindeverwalter» die Vorteile?

AS: Das in der Gemeinde Riehen verwirklichte Führungsmodell erlaubt ein professionelles Management der Verwaltung im Sinne eines modernen Dienstleistungsbetriebs. Nicht jede vom Volk gewählte Politikerin, nicht jeder Politiker ist zugleich ein hervorragender Manager und eine geborene Führungspersönlichkeit. Verlangt ist bei diesem Mandat schliesslich primär die politische Kompetenz – ohne «Verpflichtung zum Multitalent». Beim CEO-Modell kann die politische Kompetenz der Gemeinderatsmitglieder im Kollegium des Gemeinderats voll zum Tragen kommen; desgleichen die fachliche Kompetenz der einzelnen Angestellten in der Verwaltung, einschliesslich des Verwaltungschefs. Wenn zudem das Zusammenspiel zwischen politischer und fachlicher Kompetenz durch klare Zuständigkeiten und Schnittstellen wohl organisiert ist, bestehen hervorragende Voraussetzungen für einen guten service public.

SKR: Gibt es trotz allem auch Nachteile gegenüber dem alteingesessenen Modell?

AS: Ich sehe bei mittelgrossen Gemeinden bzw. Städten, deren Exekutiven ihre anspruchsvolle Aufgabe im Teilamt ausüben, keine Nachteile. Das CEO-Modell erfordert allerdings ein sehr bewusstes Rollenverständnis der Beteiligten: Die Verwaltung hat das Primat der Politik zu respektieren! Die höhere Professionalität der Verwaltung, die stärkere Einbindung der Verwaltungsmitarbeitenden in die Ergebnisverantwortung, die bloss mittelbare Führung durch die politisch Verantwortlichen machen die konsequente Beachtung dieses Rollenverständnisses anspruchsvoller.

SKR: Kann mit dem Ausdruck «Gemeinde CEO» eine Parallelität im Handlungsfeld zur Privatwirtschaft gezogen werden?

AS: Die Leitung einer Gemeindeverwaltung mit z.B. 250 Mitarbeitenden hat viele Parallelen zu einem Betrieb der Privatwirtschaft. Das Aufgabenspektrum einer öffentlichen Verwaltung ist allerdings ausgesprochen breit – ein echter «Gemischtwarenladen». Und der wesentliche Unterschied liegt beim «politischen Überbau» dieses zum grössten Teil aus Steuern und Gebühren finanzierten Dienstleistungsbetriebs. Interesse an diesem politischen Kontext ist deshalb zwingende Voraussetzung für den Job eines «Gemeinde CEO».

Andreas Schuppli (1953) leitet seit Juni 2000 die Gemeindeverwaltung Riehen (Kanton Basel-Stadt). In dieser Funktion wurde er vom Gemeinderat zugleich als Projektleiter eines umfassenden Gemeindereform-Projekts auf der Grundlage von NPM eingesetzt. Mitte 2003 konnte die Projektphase abgeschlossen werden, seit 2004 arbeitet die Gemeinde Riehen auf der politischen wie auch auf Verwaltungsebene vollumfänglich mit den neuen Steuerungsinstrumenten. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Basel arbeitete Andreas Schuppli auf einer Beratungsstelle für Strafentlassene und war daneben journalistisch und als Hausmann tätig. Es folgten verschiedene Rechtspraktika und kürzere Anstellungen in einer Amtsschreiberei, an Gerichten und in einer Anwaltskanzlei. 1986 erwarb er das Patent als Fürsprech und Notar im Kanton Solothurn. Im gleichen Jahr wurde er zum Departementssekretär des baselstädtischen Sanitätsdepartements gewählt. Während der über 13-jährigen Tätigkeit in dieser Kaderfunktion war er u.a. mit verschiedenen Reorganisationsprojekten in der öffentlichen Verwaltung, insbesondere im Spitalbereich, betraut.

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