Freitag 3. September 2010
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Vision Energieautonomie - «Heute beginnen, was 2050 sein wird»

Das Rathaus der Energiestadt St.Gallen: Die nachhaltigen Ideen finden in der Bevölkerung grossen Rückhalt, wie mehrere Abstimmungen gezeigt haben.

von Angel Sanchez

Noch spielt die Stromversorgung bei der Entwicklungsplanung einer Gemeinde keine Rolle. Das ist ein Fehler. Wer im Jahr 2050 aber eine sichere Energieversorgung will, muss heute aktiv werden. Das hat beispielsweise die Energiestadt St.Gallen realisiert. Auch für andere Gemeinden heisst das Ziel: Energieautonomie. Private Haushalte, Dörfer und ganze städtische Siedlungen können bald schon ihren eigenen Strom produzieren. Diese Entwicklung wird insbesondere die Raumplaner, Bauherren und Architekten fordern.

Die Immo-Messe Schweiz in St.Gallen steht wirklich nicht unter Verdacht, ein Treffpunkt für grüne Gutmenschen zu sein. Ende März stand an der grössten Schweizer Fachmesse für Bauherrschaften das Thema Energieautonomie ganz oben auf der Interessenliste. Die Tagung «Energieautonomie: Der Weg zur sicheren Energieversorgung» stellt Energie-Konzepte für Gemeinden und Visionen für eine energieeffiziente Architektur ins Zentrum. Architekten, Bauplanern und Behörden drängten sich in eine der voll besetzen Olma-Hallen und wollten herausfinden, wie eine nachhaltige Energieversorgung im Jahr 2050 aussieht.

Nämlich so: Kein Öl, keine Kohle, kein Atomstrom. Mit selbst erzeugten erneuerbaren Energien lässt sich der Strom- und Wärmebedarf von ganzen Kommunen bereits heute decken. So schreibt der renommierte «Spiegel» zum Thema Energieautonomie: «Was lange utopisch erschien, ist heute längst technisch machbar. Entscheidend sind nur noch die Menschen, die die Technologien auch einsetzen.»

Diese Aussage würde Dr. Peter Moser sofort unterschreiben. Der Naturwissenschaftler ist Projektleiter bei deENet. Zusammen mit der Universität Kassel und dem Deutschen Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit untersucht er die Entwicklungsperspektiven von Regionen, die zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien setzen. Nach dem Klimagipfel in Kopenhagen müsse es nun Vorreiter geben, die einen ökologischen Lebensstil einschlagen. Nur wer? «Regionen und Städte», sagt Moser. «Sie werden in absehbarer Zeit in der Lage sein, ihre eigene Energie vor Ort zu produzieren. » Wie Erhebungen im Rahmen des Projekts deENet gezeigt hätten, sind dafür die Potenziale vorhanden: «Es ist überhaupt kein Problem, sich mit erneuerbaren Energien zu versorgen.»

Raus aus der Steinzeit

Grosse Solarkraftwerke, vernetzte Windparks, Blockheizkraftwerke, Erdwärme, Wasserkraft: Mit solchen Projekten könne die Menschheit innerhalb der nächsten drei Jahrzehnte ganz auf fossile Energien sowie Atomstrom verzichten und trotzdem prosperieren. Vorausgesetzt, den Energieversorgern gelingt der Schritt hinaus aus der Steinzeit. Denn im Prinzip wirtschaften wir wie unsere Vorfahren im frühen Pleistozän: Wir nehmen einen Rohstoff und verbrennen ihn. Wenn die Ressource aufgebraucht ist, zieht man einfach weiter. Statt ein bisschen Holz verbrennen wir heute Kohle und Öl im grossen Stil. Nur kann der moderne Mensch heute nicht einfach weiter ziehen und neue Rohstofflager entdecken – die Reserven an fossilen Energien sind bald erschöpft.

Will man diese Lücke mit erneuerbaren Energien füllen, muss jetzt gehandelt werden. Davon ist Peter Moser überzeugt. «In den nächsten 10 bis 15 Jahren musst man die Weichen für eine zukunftstaugliche Infrastruktur stellen», sagt der Wissenschaftler. Entscheidend für die Entwicklung von Regionen, die sich mit 100 Prozent erneuerbaren Energien versorgen wollen, ist gemäss deENet vor allem die dezentrale Energieerzeugung. Dafür sind die verschiedenen Potenziale von Wind, Biomasse, Sonne, Wasser und Erdwärme zu kombinieren. Doch damit alleine sind noch nicht alle Probleme gelöst. Es reicht nicht, sauberenStrom zu konsumieren. Längerfristig müssen der persönliche Verbrauch reduziert und die Energieeffizienz gesteigert werden. «Das muss Hand in Hand gehen», sagt Moser. Er wisse, dass die Bereitschaft zu Handeln gross sei. «Man will nicht abwarten, sondern etwas tun», fasst Moser die Voten aus den Regionen zusammen.

Der Schweizer Trumpf

Ist dies hierzulande überhaupt möglich? Die schweizerische Energiepolitik zielt mit der beschlossenen kostendeckenden Einspeisevergütung darauf ab, den Anteil des aus erneuerbaren Energien produzierten Stroms bis zum Jahr 2030 um 5400 GWh oder 10% des heutigen Schweizer Stromverbrauchs zu erhöhen. Heute (Statistik 2007) stammen rund 55,6% der gesamten Schweizer Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen, der Grossteil davon kommt aus Wasserkraftwerken.

Mosers Vision der Energieautonomie kann sich nicht den Landesgrenzen beugen. «Es braucht grosse Verbundnetze», sagt er. So kann die Energie von einem Ende Europas ans andere geschickt werden – je nach dem, wo der Bedarf am grössten ist. Genau hier liegt ein grosses Plus für die Schweiz: Die helvetische Wasserkraft würde dann zum Zuge kommen, wenn in den Windparks der Nordsee Flaute herrscht oder wenn die grossen Solaranlagen unter der spanischen Sonne doch mal schlapp machen sollten. Stauseen und Turbinen liefern permanent sauberen Storm und können jede witterungsbedingte Lücke überbrücken. Das Konzept dürfte funktionieren, zumal Elektrizität bereits heute von den Grosskonzernen mit hohen Profiten quer durch Europa gejagt wird.

Den Raum für die Energieversorgung planen

Christian Huber von der Technischen Universität München brachte das Denken wieder auf kleinräumigere Ebenen. Der Architekt und Dozent widmet sich den raumplanerischen Herausforderungen, welche die dezentrale Strom- oder Wärmeproduktion mit sich bringen wird. «Die Abkehr von fossilen Energien findet nicht nur im Heizkessel im Keller statt, sondern manifestiert sich auch im Dorfbild», sagt Huber.

Er plädiert dafür, dass die Energieversorgung ähnlich gehandhabt wird, wie die Raumplanung – beispielsweise mit einem Energierichtplan. So wird die räumliche Entwicklung von vornherein mit der Energieversorgung abgestimmt. Konkret: Schon beim Planen einer neuen Siedlung müssen Architekten und Bauherren daran denken, wie sie dieses Quartier mit Heizenergie und Strom versorgen wollen.

Gelingt es einer Gemeinde oder Region, die vorhandenen erneuerbaren Energieressourcen auf die Energienachfrage abzustimmen, spart die einheimische Volkswirtschaft Kosten für Energieimporte und CO2-Abgaben und sorgt dafür, dass die Wertschöpfung in der Region bleibt. «Zu aller erst muss der Bedarf und das Potenzial abgeklärt werden», sagt Christian Huber. «Man baut auch nicht die Küche, bevor man den Grundriss des Hauses kennt.»

Heute schon gibt es Häuser mit einer positiven Energiebilanz. Diese privaten Kraftwerke produzieren mit Solarstrom oder Erwärme mehr Energie, als die Bewohner verbrauchen. Eigenheime unterscheiden sich in Sachen Komfort und Design kaum von herkömmlichen Bauten. Die Frage ist, wo diese Häuser gebaut werden. «Ein Passivhaus auf der grünen Wiese von dem man täglich 20 Kilometer zur Arbeit fahren muss, ist nicht das, was wir brauchen », sagt Huber. Die Vorteile der Passivhaus- Technologie müssen seiner Ansicht nach im städtischen Gebiet stärker zum Tragen kommen.

Strom teuerer – dank mehr Markt

Allein schon aus wirtschaftlichen Überlegungen müssen Gemeinden und Städte daran interessiert sein, ihren eigenen Strom – oder zumindest einen Teil davon – selbst erzeugen zu können. Denn Energie wird nicht billiger: Die Stromliberalisierung hat sich für Haushalte, Landwirte und Kleinbetriebe nicht gelohnt. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Preisüberwachers. Zwischen 2008 und 2009 stiegen die Strompreise je nach Kategorie um 2,8 bis 12,5 Prozent. Die weitere Entwicklung ist ungewiss.

Energiestadt geht voraus

Die Energiestadt St.Gallen hat dies erkannt und beweist Innovationsgeist. Stadtrat Fredy Brunner stellte an der Immo-Messe die Strategie vor. Auf politischer Ebene gibt das bereits 2006 formulierte «Energiekonzept 2050 für die Stadt St.Gallen» die Marschrichtung vor. Die Energiestadt setzt auf ein vielversprechendes Geothermie-Projekt. In 4000 Metern tiefe liegt – so die Prognosen – eine schier unerschöpfliche Energiequelle. Das geplante Erdwärmekraftwerk liefert (voraussichtlich) ab 2013 CO2-freie Energie. Das wegweisende Projekt bedingt eine Investition von insgesamt 150 Millionen Franken. Dennoch ist die Wirtschaftlichkeit gegeben: Heute kostet das Heizen die Bevölkerung und die Unternehmungen von St.Gallen über 120 Millionen Franken pro Jahr. Dabei werden 90 Prozent der Wärme aus Erdöl und Erdgas produziert. Das Geld für diese immer knapperen und teureren Energieträger fliesst ins Ausland. Mit der Nutzung der Erdwärme hingegen bleibt das investierte Geld der regionalen Wirtschaft erhalten. Da so ein grosser Teil dieses Geldes in St.Gallen verbleibt, können das Erdwärme-Kraftwerk und die für die Wärmeverteilung notwendige Fernwärmeversorgung kostendeckend betrieben werden.

Die Stromnetze denken mit

Damit nicht genug. Neben der Geothermie sehen die St. Galler noch eine zweite Chance im Boden liegen. Die Stadtwerke verlegen derzeit ein neues Glasfaser-Netz. Flächendeckend werden darüber dereinst ultraschnelles Internet, Telefonie, TV oder andere Daten in unvorstellbarer Geschwindigkeit übertragen. Davon wird auch die Energieversorgung profitieren. Die Glasfasern bilden das Herzstück für ein so genanntes «Smart Grid». Dieses neue Netzwerk ist ein technologisches Wunderwerk, das selber mitdenkt, Elektroautos als rollende Batterien verwendet, Kühlschränke und Heizungen automatisch zur richtigen Zeit einschaltet und vor allem Strom spart. Bis zu 15 Prozent Energie soll ein digitalisiertes Netz sparen, heisst es im Newsletter des Bundesamtes für Energie.

Natürlich ist das im Jahr 2010 noch Zukunftsmusik. Doch wer die Entwicklung der Computerbranche in den Neuzierjahre mitverfolgt hat weiss, wie rasant sich die Technologie entwickeln kann. Stadtrat Fredy Brunner hat es treffen formuliert: «Heute beginnen, was 2050 sein wird».

Weitere Infos zu den erwähnten Projekten
www.deenet.org
www.haustechnik.arch.tu-muenchen.de
www.erdwaerme.stadt.sg.ch
www.energiestadt.ch

 

«Heute beginnen, was 2050 sein wird»

Fredy Brunner, Stadtrat St.Gallen, stellt ein wegweisendes Geothermie-Projekt vor
Helmut Krapmeier, Energieinstitut Vorarlberg, im Gespräch mit Stadtrat Fredy Brunner
Architekt Christian Huber plädiert für eine genaue Energieplanung: "Man baut auch nicht die Küche, bevor man den Grundriss des Hauses kennt."

Fachliteratur zum Thema

"Green Building - Konzepte für nachhaltige Architektur"

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