Bedeutung der dualen und tertiären Berusfsbildung
Kaum je zuvor, wurde über das Bildungssystem der Schweiz dermassen heftig debattiert, wie in jüngster Vergangenheit. Anlass dazu gab das Weissbuch, das anfangs September 2009 von den Akademien der Wissenschaften vorgelegt wurde. Es folgte eine breit angelegte Diskussion um die Bedeutung des dualen und tertiären Bildungswegs.
Während die einen mehr Schüler ins Gymnasium schicken wollen, damit mehr Schweizer mit universitärem Abschluss auf den Arbeitsmarkt kommen, warnen die anderen vor der «Akademisierung der Gesellschaft» und verweisen auf die Berufslehre, Berufsmatura und Fachhochschulen. Sie erklären das duale Modell mit Berufslehrgang und Hochschulausbildung zum Erfolgsfaktor der Schweizer Wirtschaft.
SKR, Lucia Uebersax


Es ist immer wieder erschütternd, wie durch mediale Verkürzungen wichtige Debatten polemisch geführt werden. Nachdem nun das Missverständnis mit der Maturitäts- und Akademikerquote geklärt ist und wir zur Kenntnis nehmen, dass das Weissbuch von 70% Tertiärabschlüssen spricht, kann die Debatte über die Zukunft des Schweizer Bildungssystem hoffentlich ernsthaft beginnen. Die duale und höhere Berufsbildung wird auch 2030 neben der akademischen Bildung zentral bleiben. Aber ebenso sicher ist, dass die Arbeitswelt immer mehr hoch qualifizierte Fach- und Führungskräfte braucht. Schon jetzt importiert die Schweiz in grosser Zahl Hochqualifizierte aus dem nahen und fernen Ausland. Das ist problematisch für das Zusammenleben in unserem Land und unethisch jenen Ländern gegenüber, die wegen des Braindrain wirtschaftlich nicht vom Fleck kommen.
Das Weissbuch legt den Finger auf einige wichtige wunde Punkte. Dazu gehören u. a.:
• Der teure und ineffiziente Bildungsföderalismus
• Die schlechte Chancengleichheit durch späte Einschulung und frühe Selektion
• Eine Strategie und Professionalisierung des lebenslangen Lernens
• Den Mangel an Hochqualifizierten Schweizer/innen
Darum hoffe ich, dass die öffentliche Debatte um eine nationale Bildungsstrategie jetzt doch noch differenziert aufgenommen wird.
Das duale System der Schweiz verbindet die praktische Erlernung eines Berufs ideal mit dem theoretischen Rüstzeug. Es erlaubt ein harmonisches Hineinwachsen der Jugendlichen in die Arbeitswelt und erlaubt dem Staat, die Qualität der Ausbildung zu gewährleisten. Dieses System steht keineswegs in Konkurrenz zum akademischen Weg, sondern stellt eine notwendige Ergänzung desselben dar. Jugendliche, die über eine eher praktische Intelligenz verfügen, können auf diesem Weg ihre Fähigkeiten voll entwickeln. Und falls sie nach absolvierter Lehre doch in den akademischen Bereich hinüberwechseln möchten, wird das durch Passerellen möglich gemacht.
Das Weissbuch der Akademien, das mit einigen ungeschickten Worten das duale Bildungssystem anspricht, hat eine sofortige und vorbehaltlose Verteidigung seitens der Bildungszweige der höheren Berufsbildung (Tertiär B) ausgelöst. Obwohl ich vom unschätzbaren Wert unseres dualen Systems und seiner verschiedenen Zweige, die sich unseren Jugendlichen bieten, um ihre Ausbildung auf Tertiärebene fortzusetzen, überzeugt bin und dieses System letztendlich ein berechtigtes Interesse seitens der anderen europäischen Länderder Europäischen Union und der OECD weckt, so ist dies kein Grund dafür, dass man sich scheuen müsste, über die Zukunft und bevorstehenden Herausforderungen für unser Land nachzudenken. Die Politiker müssten aller Bedürfnisse des Landes Rechnung tragen. Der offenkundige Bedarf an Ingenieuren und Forschern in den Bereichen Technik, Wissenschaften und Innovation sowie der alarmierende Mangel an Ärzten und Pflegepersonal, die unser Land schon ereilt haben, verdienen unsere Aufmerksamkeit. Wir müssen uns vorurteilslos, offen und ohne ideologische Starrheit auf die Zukunft konzentrieren. Es geht nicht an, eine Ausbildungsart gegen eine andere auszuspielen, sondern wir müssen vielmehr die Schweiz in einen Ausbildungsraum verwandeln, der für Qualität, sich ergänzende Bildungszweige und geeignete Schnittstellen zwischen den einzelnen Zweigen sorgt.
Eine Überbewertung der rein schulischen, insbesondere der akademischen Bildung und eine Abwertung der beruflichen Bildung, das ist der wesentliche Inhalt des Weissbuches «Zukunft Bildung Schweiz». Aber diese einseitige und oberflächliche Sichtweise hilft unserem Lande nicht weiter – im Gegenteil. Die berufliche Bildung, wo heute 70 % der Jugendlichen in gemeinsamen Anstrengungen die Grundlagen der Wirtschaft und der Berufskunst in direkter Verbindung mit der Arbeit erlernen, ist unbestritten ein besonderer Erfolgsfaktor für unser Land. Die akademische Standesorganisation «Akademien der Wissenschaft Schweiz» macht hier primär schlechte Werbung für ihren Stand. Die Reaktionen sind unbequem, weil sie den Ruf der Akademien beschädigen, deren Produkt das Weissbuch ja sein soll. Für mich sind die vier Schweizerischen Akademien seit längerem eine Mischung aus Standesorganisation, PR-Zentrale, echter Wissenskoordination und eben auch undurchschaubarer Privilegien- und Spesenreiterei. Der Bund finanziert über 20 Millionen Franken pro Jahr an die Akademien, die Verwendung ist und bleibt intransparent und fragwürdig. So betrachtet ist das Weissbuch ein Schuss in das eigene Knie und ein exemplarisches Beispiel für etwas, das bald einmal einer genaueren Überprüfung bedarf. Die duale Berufsbildung ist in einer dauernden Überprüfung, die Akademien sind es nicht.
Ein gesunder Mix aus beruflicher und akademischer Bildung sowie eine einheitliche Schulbildung bilden das Fundament für die Zukunft des Wissensstandortes Schweiz. Unser Modell der dualen Berufsbildung hat sich bewährt und wird sich auch weiterhin bewähren. Es ist weltberühmt und dient im Ausland oft als Vorbild. In der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts gilt es, dieses System unbedingt zu fördern. Eine moderne Gesellschaft kann unmöglich nur aus Theoretikern und Schreibtischtätern bestehen. Auch in Zukunft braucht es genügend praktisch ausgebildete Berufsleute, die zupacken können. Dank der höheren Berufsbildung ist die Durchlässigkeit zwischen Berufslehre und akademischer Ausbildung heute schon sehr hoch. Auch diese muss weiter gefördert werden. Denn ein hohes Bildungsniveau vermindert die Langzeitarbeitslosigkeit. Eine auf nationaler Ebene harmonisierte Bildungsstrategie ist dringend notwendig. Sie dient der internationalen Positionierung unserer Bildung. Arbeitsmarkt und Gesellschaft verlangen zunehmend Mobilität von Bürgerinnen und Bürgern. Diese Mobilität kann bei einem föderalistischen Schulsystem nicht gewährleistet werden. Schon längst operieren Unternehmen über Gemeinde-, Kantons- und Landesgrenzen und sogar Kontinente hinaus. Da kann es doch nicht angehen, dass Schweizer Familien schon beim Umzug über Kantonsgrenzen Steine im Weg liegen.
Die Vorteile unseres dualen Systems liegen auf der Hand: Seine Absolventinnen und Absolventen verfügen nicht nur über Wissen, sondern auch über praktisches Können. Der schweizerische Berufsnachwuchs wird bei uns früh und gut in die Arbeitswelt integriert. Die Umstellung auf ein verschultes, akademisiertes System würde Staat und Wirtschaft teuer zu stehen kommen – ohne dass damit volkswirtschaftlicher Mehrwert erreicht wird. So wie es Spitzensport nur da gibt, wo auch Breitensport seinen Platz hat, so nützt Spitzenforschung nur dort, wo es auch viele gibt, die deren Erkenntnisse in den Betrieben wertschöpfend umsetzen können. Unsere duale Berufsbildung ist kein Auslaufmodell, sondern einzigartige Schweizer Qualität im globalen Wettbewerb und sicherer Bestandteil der künftigen Erfolgsgeschichte des Wirtschaftsstandortes Schweiz. Selbstverständlich muss sie sich den Herausforderungen der Zukunft stellen – aber auf Augenhöhe mit dem schulisch-universitären Weg. Höhere Abschlüsse gibt es dank eidgenössischen Fachausweisen und Diplomen auch im nichtakademischen Bereich und insbesondere ohne gymnasiale Maturität als Einstiegsticket. Für die Fortsetzung dieser Erfolgsgeschichte braucht es aber eine Aufwertung und eine substantielle Erhöhung der Investitionen für die Berufsbildung inklusive Höhere Fachschulen sowie eine klare, praxisnahe Positionierung der Fachhochschulen. Damit wir auch morgen noch stolz auf unser duales System sein können!
Eine individuell fördernde, qualitativ hochstehende Bildung ist ein Grundrecht und muss allen gleichberechtigt entsprechend ihren Fähigkeiten zur Verfügung stehen. Sie ist eine wichtige strategische Investition zur Bewältigung der globalen Entwicklungen und Krisen. Ich gehe mit dem Weissbuch einig, dass eine umfassende Entfaltung der menschlichen Kompetenzen und die Befähigung zu aktiver und selbstbestimmter Teilhabe am öffentlichen Leben im Zentrum stehen sollen. Dazu braucht es eine ganzheitliche Bildung, die mathematisch-naturwissenschaftliche, soziale und musisch-gestalterische Bereiche berücksichtigt. Nach der Volksschule ist für die einen eine Berufslehre, für die andern ein Studium und für die Dritten die spätere Fachhochschule der richtige Weg. Ich gehe mit dem im Weissbuch stark fokussierten Hochschulweg nicht einig und bin überzeugt, dass wir auf ein duales Bildungssystem bauen müssen. Denn es braucht auch in Zukunft nicht nur studierte Menschen. Die Berufsbildung muss aber durchlässig und entwicklungsfähig sein und den späteren Hochschulweg offen halten. Der eingeschlagene Weg, der auch eine nationale Bildungspolitik anstrebt und international zusammenarbeiten will, zielt in diese Richtung. Die SozialpartnerInnenschaft – in Zukunft mit noch stärkerem Einbezug der Wissenschaft – hat sich bewährt. Und natürlich braucht es die nötigen Mittel – in etwa 10% des BIP.
Die Zielsetzung, dass in Zukunft 70 Prozent der Auszubildenden mit einem Tertiärab schluss in das Berufsleben eintreten ist richtig, wenn unter diesem Abschluss die Ausbil dung an einer Universität, an der ETH oder an einer Fachhochschule bzw. höheren Fach schule verstanden wird. Damit entsteht kein Gegensatz zwischen dem gymnasialen und dem dualen Bildungsweg, vielmehr sind diese mit der entsprechenden Durchlässigkeit komplementär. Eine höhere gymnasiale Maturitätsquote als 30 Prozent ist nicht anzustre ben. Diesbezüglich besteht das Problem heute vor allem darin, dass zu viele Maturanden ein Studium in sogenannten Soft-Fachrichtungen wählen. Was wir in Zukunft vermehrt brauchen, sind naturwissenschaftlich ausgebildete Hochschulabsolventen, vor allem in In genieurfachrichtungen, seien es Absolventen der ETH oder von technischen Fachhoch schulen. Die anstehenden Fragestellungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt bedür fen vor allem das Wissen, das Forschen und Entwickeln naturwissenschaftlicher Ausrichtung. Zudem wird die weltweite Arbeitsteilung vereinfacht gesagt zur Folge haben, dass in der Schweiz Maschinen erfunden und entwickelt, aber in Ländern mit tieferen Lohnkosten gebaut werden.
Die Schweiz befindet sich in einem Wettbewerb, in einem Bildungswettbewerb mit der ganzen Welt, insbesondere auch mit aufstrebenden Ländern wie Indien und China. Dazu müssen wir uns rüsten mit Mitteln, mit Leistung und mit Qualität. Mehr als 86% der Schweizerinnen und Schweizer haben am 21. Mai 2006 dem neuen Bildungsverfassungsartikel zugestimmt. Sie haben damit Ja zu einer nationalen Harmonisierung gesagt, wie wir sie in der Berufsbildung bereits kennen. Unser differenziertes Bildungssystem mit höherer schulischer Ausbildung an Universitäten und Fachhochschulen einerseits und mit den Berufsausbildungen andererseits bringt uns grosse Standortvorteile. Das duale System, die parallele Ausbildung in Betrieb und Berufsschule, ist ein Trumpf. Da die duale Ausbildung neben der Schweiz nur in Deutschland und Österreich existiert, werden statistische Ländervergleiche oft falsch interpretiert. Tatsache ist, dass wir weltweit die geringste Jungendarbeitslosigkeit haben, Zahlen, von denen der Pisa-Spitzenreiter Finnland nur träumen kann. Unsere arbeitsmarktorientierte Bildung ist ganz eindeutig eine zentrale Stütze der Schweizer Wettbewerbsfähigkeit. Daher dürfen duale Berufsbildung nicht gegen akademische Ausbildung ausgespielt werden. Es gilt unser System zu optimieren und zu stärken.
Seit sechs Jahren präsidiere ich die parlamentarische Gruppe Berufsbildung. 107 Mitglieder des National- und Ständerats gehören ihr an. Jede Session trifft sich der Vorstand einmal um 07.00 Uhr, um aktuelle Themen mit den Spitzen des BBT und den Organisationen der Arbeitswelt zu besprechen. Warum erzähle ich das? Ich möchte damit darlegen, dass sich auch die Politik mit den Anliegen der angehenden Berufsleute auseinandersetzt. Die Interessen der zwei Drittel Jugendlichen,die eine Berufslehre absolvieren, wollen im Bundeshaus gehört werden. Zu oft laufen wir Parlamentarier, die wir selber meist eine akademische Ausbildung hinter uns haben, Gefahr, die Berufsbildung zu vergessen. Das «Weissbuch» zur «Zukunft Bildung Schweiz» hat in unserer Gruppe bei der letzten Sitzung Aufmerksamkeit geweckt. Wir werden uns noch vertiefter damit befassen, wollen wir doch die langfristigen Entwicklungen offen ansprechen. Wichtig scheint uns, dass wir die jungen Menschen auch in Zukunft bedarfsgerecht ausbilden und uns nicht scheuen, notwendige Anpassungen an die Hand zu nehmen. Wehren würden wir uns jedoch, wenn die Berufsbildung aus einem Modetrend heraus oder bloss aufgrund anderer Bildungssysteme im Ausland «verakademisiert» oder an die Wand gedrückt würde. Dank einer qualitativ hochstehenden beruflichen Basis und einer ebenso erfolgversprechenden Weiterbildung sowie einer guten Durchlässigkeit werden wir hoffentlich auch 2030 ein duales Berufsbildungssystem besitzen, das sich neben der akademischen Bildung behaupten kann.