Mittwoch 7. Januar 2009
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Technologien zur Langzeitpflege und selbstbestimmtem Leben zu Hause

von Richard Staub

Im Oktober 2008 fand in Berlin die 5. Kongressmesse ehome statt, dieses Jahr der Aktualität entsprechend mit den zwei Schwerpunktthemen Ambient Assisted Living (AAL) und Energieeffizienz. Zwei Tage lange stellten Referenten, hauptsächlich aus Deutschland, Grundlagen, Thesen, Forschung, Projekte und Produkte vor. Hintergrund zum breit entfachten Interesse bildet die enorme Zunahme chronischer Krankheiten sowie die starke Zunahme älterer Mitbürger in den nächsten Jahrzehnten, auch in der Schweiz. Zwar hat sich die vorher viel diskutierte Finanzproblematik der AHV etwas gelindert, da in den letzten 2 Jahren eine regelrechte Einwanderungswelle von jüngeren und gut verdienenden Arbeitskräften aus der EU stattfand. Diese dürfte aber mit über 90›000 Zuwanderern im 2008 ihren Zenith erreichen und ändert nichts an der längerfristigen Überalterungs- Herausforderung.

 

Herausforderung Demografie

Die Gesellschaften Westeuropas und ihre Wohnwirtschaften stehen auf Grund des zunehmenden Anteils an alten Menschen vor neuen Herausforderungen, die sich aus folgenden drei Entwicklungen ableiten lassen:

  • Die Zahl der Hochaltrigen und damit der Menschen mit Unterstützungs- und/oder Pflegebedarf steigt an.
  • Auf Grund der demographischen Entwicklung sinkt die Zahl der Personen, die im familiären Kreis Hilfe leisten, verstärkt durch einen allgemeinen Wertewandel und die steigende Zahl der erwerbstätigen Frauen.
  • Der heutige Wohnungsbestand, vor allem Wohnungen aus den 50er und 60er Jahren sowie Eigenheime aus den 70er Jahren genügen den Bedürfnissen älterer Menschen nicht.

Gleichzeitig ist festzustellen, dass Seniorenhaushalte konsumfreudiger und zahlungskräftiger geworden sind als vielfach angenommen. Die Wohnwirtschaft spielt bei der Bewältigung des demografischen Wandels zweifellos eine zentrale Rolle und ist davon auf verschiedenen Ebenen betroffen. Zum einen erfährt sie eine Veränderung der Zielgruppe: Die Menschen werden immer älter, wohnen häufiger alleine und wollen auch mit körperlichen Beeinträchtigungen möglichst lange in der eigenen Wohnung leben. Dies führt zu einer steigenden Nachfrage nach altersgerechten Wohnungen, aber auch alternativen Wohnformen. Zwei Tatsachen scheinen klar: Erstens wollen die allermeisten Menschen so lange wie möglich zu Hause wohnen bleiben und zweitens hat deren Betreuung in Institutionen personelle und finanzielle Grenzen. Einerseits wird es darum gehen, nachbarschaftliche Hilfe durch vermehrte Integration von alterstauglichen Wohnungen, allenfalls auch in Wohngruppen, in gemischten Siedlungen zu fördern. Andererseits soll durch entsprechende technische Hilfsmittel das möglichst lange autonome Wohnen unterstützt werden.

Ambient Assisted Living AAL

Die alternde Bevölkerung stellt aber nicht nur eine Belastung für die Gesellschaft dar, sondern eröffnet auch neues Marktpotenzial und neue Wachstumsfelder. Im Bereich Haushalt und Wohnen haben innovative Angebote auf der Basis von Mikrosystemtechnik wie auch neue Dienstleistungen gute Chancen, vom erhöhten Bedarf an Haustechnik, die das Haushalten erleichtert, an Kommunikation und Sicherheit sowie zunehmend gesundheitsbezogenen Diensten zu profitieren - alles unter dem Sammelbegriff «Ambient Assisted Living», abgekürzt AAL. Noch nicht lange wird dieser Ausdruck gebraucht, aber bereits existiert in der EU eine sehr breite Forschungsinitiative, an der sich auch die Schweiz mit 2 Mio. Euro beteiligt. Die erste Evaluation von über 100  eingereichten Forschungsprojekten ist abgeschlossen und die Konsortien bestimmt. Im April 2009 wird eine zweite Eingaberunde erfolgen, in der sich auch wieder Schweizer Unternehmungen beteiligen werden. An der ehome wurden etliche bereits erfolgreich existierenden Projekte vorgestellt - auch der GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen beschäftigt sich intensiv mit diesem Thema, wie deren Präsident Lutz Freitag an der ehome darlegte. Denn im Gegensatz zur Schweiz bestehen an vielen Orten hohe Leerstandsziffern im Wohnungsbestand und die Immobilienunternehmungen müssen aktiv sein, um die Attraktivität gegenüber der Konkurrenz zu erhöhen.

AAL-Pilotprojekt von Adhoco

In einem einjährigen Pilotversuch testete die Adhoco AG In Zusammenarbeit mit Rütter + Partner, sozioökonomische Forschung + Beratung, Rüschlikon, und namhafter finanzieller Unterstützung der Stiftung Age ihr Produkt zur Steuerung und Automatisierung von Haustechnik im Wohnumfeld von älteren Menschen. Automatisch Licht, richtige Position der Beschattung, bedarfsgerechte Anpassung der Raumtemperaturen, eine Meldung an Angehörige oder Pflegedienste in unüblichen Situationen - diese und andere Erleichterungen im Haushalt bietet das Produkt der Firma Adhoco AG. Es deckt in seiner Grundausstattung die drei Bereiche Komfort, Sicherheit und Energiesparen im Innenbereich von Wohnungen ab und passt sich ohne Programmierung von alleine an die Bedürfnisse und Gepflogenheiten der Bewohner an. Dahinter steckt ein hochintelligentes System adaptiver Regelung aufgrund erfasster Daten wie z.B. Anwesenheit. Die Anbindung ans Internet ermöglicht zudem eine Erweiterung in Richtung Notfallmeldungen und Pflegedienstleistungen, ohne dass eine eigentliche Überwachung die Privatsphäre verunsichert. Dank der höchst einfachen Installation und Funktechnik eignet es sich gut zur Nachrüstung in bestehenden - auch älteren - Wohngebäuden. Auch die Kosten bleiben dabei tragbar.

Das System konnte anschliessend in 9 Wohnungen getestet werden. In dieser Phase befragte die Firma Rütter + Partner die NutzerInnen zweimal zu ihren Erfahrungen mit den verschiedenen Anwendungen. Einer der wesentlichen Faktoren bei der Bewertung  des Nutzens ist der Aspekt, welcher Altengeneration die Nutzer/innen angehören. Es ist sinnvoll, die Unterschiede zwischen unabhängigen, rüstigen Senior/innen (autonomes Rentenalter) und körperlich beeinträchtigten Senior/innen (fragiles Rentenalter) für die Unterscheidung der Nutzer/innen zu Grunde zu legen. Nach Ansicht von Experten sind zusätzlich bezüglich soziokultureller Aspekte zwei Altersgenerationen zu unterscheiden:

  • Die ältere Altersgeneration der um die 80jährigen und älteren vertritt häufig die Auffassung, ihre «Leistung schon erbracht» zu haben. Diese Menschen möchten deshalb eher nichts neues mehr lernen und sich nicht mit neuen Technologien beschäftigen. Die generelle Haltung gegenüber unterstützenden Technologien ist bei dieser Senior/innengruppe eher ablehnend.
  • Die jüngere Senior/innengeneration der zwischen 60- und 75-jährigen ist viel früher in ihrem Leben mit modernen Technologien in Berührung gekommen. Diese Senior/-innengruppe steht technologischen Hilfsmittel vergleichsweise positiv gegenüber und war eher bereit, die verschiedensten Komponenten des Adhoco-Systems zu testen.

Voraussetzung für die Akzeptanz eines unterstützenden technischen Systems im Wohnbereich scheinen u.a. folgende Aspekte zu sein:

  • Das System sollte auf wenige, dafür aber als sehr wünschenswert identifizierte Funktionen fokussieren.
  • Das Thema Sicherheit hat sich in den Fokusgruppen wie auch in den Interviews als die zentrale Komponente eines Hausautomationssystems erwiesen. Dies wurde auch in vielen anderen Vorträgen auf der ehome bestätigt.
  • Angehörige können die Akzeptanz bei den Nutzer/innen erhöhen, da sich diese bei Neuanschaffungen häufig mit diesen besprechen.

Generell dürfte die Akzeptanz erhöht werden, wenn Wohnungen, besonders für die Altergruppe über 80, bereits vor dem Bezug mit entsprechenden Unterstützungstechnologien ausgerüstet würden.

Telemedizin als weiteres Innovationsfeld

Die Schweiz zeichnet sich im Bereich «EHealth», also der Nutzung der ICT-Technologien im Gesundheitswesen, sicher nicht durch schnelles Tempo aus. Angesichts der starken Zunahme chronischer Erkrankungen scheint der Einsatz von telemedizinischen Leistungen sehr sinnvoll und erfolgreich zu sein, wie viele Beiträge an der ehome darlegten. Eine im Sommer 2008 veröffentlichte Marktforschungsstudie der Universität Basel zeigt deutlich, dass auch die Telemedizin bei der Bevölkerung auf grosse Akzeptanz stösst. Das private, inhabergeführte Basler Unternehmen Medgate hat sich seit der Gründung im Jahr 1999 zum führenden Schweizer Zentrum für Telemedizin entwickelt. Heute haben mit rund 2,6 Mio. Personen bereits über 30% der Schweizer Bevölkerung über ihre Krankenversicherung Zugang zur Telekonsultation von Medgate.

Während das Angebot von Medgate für Telekonsultation also bereits breit abgestützt und gewinnbringend ist, ist dasjenige für Telebiometrie noch auf Sparflamme. Im Moment laufen zwei sog. Disease-Management-Programme mit telemedizinischer Unterstützung, ein drittes soll Ende 2008 gestartet werden (Diabetes). Ein Disease-Management-Programm (abgekürzt DMP) ist ein systematisches Behandlungsprogramm für chronisch kranke Menschen, das sich auf die Erkenntnisse der evidenzbasierten Medizin und anerkannte medizinische Richtlinien stützt. Mit Hilfe von mobilen Messgeräten (z.B. Waage, Blutdruckapparat) misst der Patient seine Parameter selbst, anschliessend werden diese automatisch an Medgate übermittelt, wo die Daten ausgewertet werden. Veränderungen mit Risikoerhöhung werden damit frühzeitig erkannt und die Therapie kann umgehend angepasst und optimiert werden. Der Hausarzt bleibt in die Betreuung seines Patienten involviert. Allerdings sind entsprechende Tarmed-Positionen noch nicht vorhanden, was eine der Voraussetzungen für eine raschere Förderung der Telemedizin wäre.

Auf jeden Fall wäre auch eine stärkere Förderung von Telemedizin und AAL in der Schweiz zu begrüssen, wenn man die bereits sehr gross angelegten Förderprogramme der EU betrachtet. Auch die Schweizer Wirtschaft hätte hier sicher einiges zu bieten und vielen Patienten kann ganz sicher entscheidend zu einer besseren Lebensqualität verholfen werden.

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